
„Der Graue Star muss erst reif werden, bevor man operieren kann.“ Diesen Satz hören Patienten noch immer, obwohl er seit Jahrzehnten nicht mehr zutrifft. Die moderne Kataraktchirurgie arbeitet mit Ultraschall und kann eine getrübte Linse in jedem Stadium entfernen. Mehr noch: Ein zu langes Warten macht die Operation schwieriger und das Ergebnis weniger vorhersagbar. Dieser Artikel erklärt, woher der Mythos stammt, warum er heute nicht mehr gilt und wann der richtige Zeitpunkt für eine Operation ist.
Woher der Reife-Mythos stammt
Bis in die 1980er-Jahre wurde der Graue Star mit einer Technik operiert, bei der die gesamte Linse in einem Stück aus dem Auge entfernt wurde (intrakapsuläre oder extrakapsuläre Kataraktextraktion). Für diese Methode war es tatsächlich vorteilhaft, wenn die Linse vollständig getrübt und verhärtet war. Eine „reife“ Katarakt ließ sich leichter als Ganzes herauslösen.[1]
Dieses Verfahren ist seit über 30 Jahren nicht mehr der Standard. Die heute weltweit verwendete Technik heißt Phakoemulsifikation. Dabei wird die getrübte Linse durch Ultraschall im Auge zerkleinert und über eine winzige Öffnung abgesaugt. Anschließend wird eine faltbare Kunstlinse durch denselben kleinen Schnitt eingesetzt.[1] [2]
Für die Phakoemulsifikation gilt das Gegenteil des alten Grundsatzes: Je weicher der Linsenkern ist, desto weniger Ultraschallenergie wird benötigt und desto schonender verläuft der Eingriff. Eine frühe Katarakt ist für den Operateur einfacher zu behandeln als eine fortgeschrittene.
Warum zu langes Warten die Operation erschwert
Ein weit fortgeschrittener Grauer Star (Cataracta matura oder hypermatura) bringt für die Operation mehrere Nachteile mit sich.
Härterer Linsenkern. Je länger die Katarakt fortschreitet, desto härter wird der Kern der Linse. Um einen harten Kern zu zerkleinern, muss der Operateur mehr Ultraschallenergie einsetzen. Das belastet die Hornhaut stärker und erhöht das Risiko für eine postoperative Hornhautschwellung.[2] [3]
Schwächere Linsenkapsel. Bei einer überreifen Katarakt kann die Kapsel, die die Linse umhüllt, brüchig werden. Das erhöht das Risiko für einen Kapselriss während der Operation. Ein Kapselriss kann die Implantation der Kunstlinse erschweren.[2]
Ungenauere Linsenvermessung. Vor der Operation wird das Auge vermessen, um die Stärke der Kunstlinse zu berechnen. Bei einer stark getrübten Linse ist diese Vermessung weniger präzise. Das bedeutet, dass die Kunstlinse möglicherweise nicht optimal zur Sehstärke des Patienten passt.[1] [3]
Eingeschränkte Netzhautbeurteilung. Wenn die Linse stark getrübt ist, kann der Augenarzt die Netzhaut nicht mehr ausreichend beurteilen. Begleiterkrankungen wie eine Makuladegeneration oder eine diabetische Retinopathie bleiben möglicherweise unentdeckt.[2]
Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Operation?
Die Entscheidung für eine Katarakt-Operation richtet sich heute nicht nach dem objektiven Reifegrad der Linsentrübung, sondern nach der subjektiven Beeinträchtigung des Patienten.[1] [2]
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) formuliert es so: „Ob und wann operiert wird, ist eine persönliche Entscheidung. Sie hängt stark davon ab, wie sehr die Sehstörungen den Alltag behindern.“[1]
Konkret können folgende Fragen bei der Entscheidung helfen. Fällt das Lesen schwerer als früher? Wird das Autofahren bei Dunkelheit durch Blendung unsicher? Schränkt die Sehverschlechterung berufliche Tätigkeiten ein? Werden Hobbys wie Sport oder Handarbeit durch unscharfes Sehen beeinträchtigt? Fühlt man sich im Straßenverkehr als Fußgänger unsicher?
Wenn eine oder mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortet werden und die Ursache ein Grauer Star ist, kann eine Operation sinnvoll sein.[1]
Wann ist eine Operation medizinisch dringend?
In bestimmten Situationen ist eine Operation nicht nur eine Frage der Lebensqualität, sondern medizinisch geboten.
Einschränkung der Fahrtauglichkeit. Wenn die Sehschärfe die Anforderungen der Fahrerlaubnis-Verordnung nicht mehr erfüllt (beidäugig mindestens 0,5 mit bestmöglicher Korrektur, geprüft durch den Augenarzt), darf nicht mehr gefahren werden. Bei Katarakt wird es oft schon früher kritisch, weil Blendung und schlechtes Dämmerungssehen hinzukommen, die die FeV ebenfalls berücksichtigt.[4]
Verdeckung anderer Erkrankungen. Wenn die Linsentrübung so stark ist, dass der Augenarzt die Netzhaut nicht mehr beurteilen kann, muss operiert werden, um eine mögliche Netzhauterkrankung diagnostizieren und behandeln zu können.[2]
Sekundärkomplikationen. In seltenen Fällen kann eine überreife Katarakt einen Druckanstieg im Auge verursachen (phakolytisches Glaukom) oder eine Entzündungsreaktion auslösen. In diesen Fällen ist eine zeitnahe Operation erforderlich.[2]
Was die Operation leistet
Die Katarakt-Operation ist der häufigste chirurgische Eingriff in Deutschland. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) schätzt, dass 2024 knapp eine Million Menschen operiert wurden.[3]
Etwa 9 von 10 Patienten sehen nach der Operation besser als vorher. Die Sehschärfe verbessert sich, Kontraste werden wieder deutlicher wahrgenommen und die Blendempfindlichkeit nimmt ab.[1] Die Kunstlinse hält ein Leben lang und muss in der Regel nicht ausgetauscht werden.[1]
Der Eingriff dauert etwa 20 bis 30 Minuten und wird in den meisten Fällen ambulant unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Die Kosten der Standardversorgung (Phakoemulsifikation mit Monofokallinse) übernimmt die gesetzliche Krankenkasse vollständig.[1]
Was Patienten beachten sollten
Regelmäßige Kontrollen. Auch wenn noch keine Beschwerden bestehen, sollte der Graue Star regelmäßig vom Augenarzt kontrolliert werden. So lässt sich gemeinsam der richtige Zeitpunkt für eine Operation bestimmen.[1]
Kein Notfall, aber auch kein Grund für endloses Aufschieben. Der Graue Star ist kein Notfall. Die Entscheidung kann in Ruhe getroffen werden. Gleichzeitig gibt es keinen medizinischen Grund, absichtlich zu warten, bis die Linse „reif“ ist. Im Gegenteil: Eine frühere Operation ist in der Regel technisch einfacher und liefert ein besser vorhersagbares Ergebnis.[1] [2] [3]
Zweite Meinung. Wenn Unsicherheit besteht, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist, kann eine zweite augenärztliche Meinung hilfreich sein.[1]
Individuelle Beratung. Welche Kunstlinse am besten geeignet ist und ob Begleiterkrankungen das Ergebnis beeinflussen könnten, wird in einem ausführlichen Beratungsgespräch vor der Operation geklärt.
Kontrolltermin vereinbaren
Ob und wann eine Operation für Sie sinnvoll ist, klärt die augenärztliche Untersuchung im MVZ Perfektes-Sehen Dr. Gerten & Kollegen. Sie finden uns in der Kölner Innenstadt (Habsburgerring 3), in Köln-Kalk und in Leverkusen. Telefonisch erreichen Sie uns unter 0221/235262.
Häufige Fragen
Nein. Diese Vorstellung stammt aus einer Zeit, in der die Linse in einem Stück entfernt wurde. Die moderne Phakoemulsifikation kann eine getrübte Linse in jedem Stadium behandeln. Ein zu langes Warten macht die Operation sogar schwieriger.
Der richtige Zeitpunkt richtet sich nach der subjektiven Beeinträchtigung des Patienten. Wenn das Sehen im Alltag spürbar eingeschränkt ist und die Ursache ein Grauer Star ist, kann eine Operation sinnvoll sein. Eine objektive „Reife“ der Linse ist keine Voraussetzung.
Ein Grauer Star ist kein Notfall. Allerdings wird die Operation schwieriger, wenn die Katarakt sehr weit fortgeschritten ist. Der Linsenkern ist dann härter, die Vermessung ungenauer und das Komplikationsrisiko höher. Zudem kann eine stark getrübte Linse die Beurteilung der Netzhaut verhindern.
Etwa 9 von 10 Patienten sehen nach der Operation besser als vorher. Die Kunstlinse hält ein Leben lang. Die häufigste Langzeitkomplikation ist der Nachstar (bei 25 bis 40 von 100 Patienten innerhalb von 5 Jahren), der sich mit einer kurzen Laserbehandlung beheben lässt.
Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die vollständigen Kosten der Katarakt-Operation mit einer monofokalen Standardlinse. Für Premiumlinsen (Multifokal, EDOF, torisch) fällt eine Zuzahlung an, die der Patient selbst trägt.
Nein. Eine Kunstlinse kann nicht eintrüben. Es kann sich jedoch ein sogenannter Nachstar entwickeln, bei dem die hintere Linsenkapsel eintrübt. Dies lässt sich mit einer kurzen, schmerzfreien Laserbehandlung beheben.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Ob und wann eine Katarakt-Operation sinnvoll ist, kann nur im Rahmen einer augenärztlichen Untersuchung beurteilt werden. Stand: September 2026.
Quellen
- [1]Gesundheitsinformation.de (IQWiG). „Operation des Grauen Stars.“ Stand: Januar 2026.
- [2]Chen SP, Woreta F, Chang DF. „Cataracts: A Review.“ JAMA 2025.
- [3]Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). „Grauer-Star-Operation: Es stehen fünf moderne Strategien zur Wahl.“ Oktober 2024.
- [4]Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV), Anlage 6: Anforderungen an das Sehvermögen.
Weiterführende Artikel

Dieser Beitrag entstand im MVZ Perfektes-Sehen unter der ärztlichen Leitung von Dr. med. Georg Gerten, FOCUS Top-Mediziner seit 2012. Zum Ärzteprofil
Zuletzt fachlich geprüft: August 2026

